Selbstsinn

Das Leben zeigt uns den Weg

Der freier Wille

Der freie Wille - eine Schimäre oder Faktum?

Gibt es einen freien Willen? Was meint die Medizin? Die mo-
derne Hirnforschung sagt: «Nein!» Ich sage: «Nein, nicht wirk-
lich, aber das ist auch nicht weiter schlimml» Der freie Wille ist
nach Meinung renommierter Wissenschaftler wie der Hirnfor-
scher Wolf Singer oder John-Dylan Haynes wahrscheinlich nur
eine Illusion, da unser Gehirn und damit auch unser Bewusst-
sein und unser Selbstbild physikalischen Gesetzen gehorcht,
also ein deterministisches - vorherbestimmtes - System ist.
Haynes hat 2008 im Fachblatt Nature Neuroscience eine Stu-
die veröffentlicht, in der er anhand der Aktivität zweier Hirn-
regionen das Handeln seiner Versuchspersonen voraussagen
konnte; und zwar volle zehn Sekunden bevor sie sich selbst
ihres Entschlusses bewusst waren. Fairerweise muss man sa-
gen, dass diese Voraussagen derzeit nur bei sehr einfachen
und klaren Alternativen gemacht werden können und auch
dann nur zu 60 Prozent zutreffen. Doch um die Voraussage
ging es Haynes gar nicht. Entscheidend war der Zeitpunkt,
zu dem die Hirnaktivität gemessen wurde - eben zehn Sekun-
den bevor der Proband selber wusste, was er tun wollte. Der
Wissenschaftler schlussfolgerte, dass eine Reihe von unbe-
wussten Prozessen der bewussten Entscheidung vorausgeht
und sie einleitet, womit die Entscheidung nicht mehr frei,
sondern determiniert ist. Alle unsere Handlungen seien das
Resultat Tausender kleiner Ursachen, die sich überlagern, so
Haynes. «Unsere Erfahrungen aus der Kindheit, unserem Be-
ruf, dem kulturellen Umfeld, vermittelt durch andere Men-
schen und Massenmedien - all das spielt bei jeder unserer Ent-
scheidungen eine Rolle, und auch unbewusste Prozesse folgen
dieser Logik.» Für ihn ist der freie Wille immer der Wille, der
zu unserem Selbstbild passt; der Wille, mit dem wir uns frei
fühlen.

Wolf Singer, einer der prominentesten deutschen Hirnfor-
scher, sieht das ähnlich: «Wir empfinden uns als frei, wenn

unsere Entscheidungen mit unseren bewussten oder unbe-
wussten Motiven im Einklang stehen.» Oder einfacher: «Ich
bin frei, wenn ich mich frei fühle.» Dies ist der Fall, wenn mir
äußere Zwänge nicht mehr als solche erscheinen, weil ich sie
verinnerlicht habe und sie damit ein Teil von mir sind. Nichts
anderes geschieht im Laufe der Sozialisation (Erziehung) der
meisten Menschen. Dies bedeutet aber nichts anderes, als dass
wir Menschen determiniert sind und demnach eben nicht frei
handeln. Singer findet an dieser Erkenntnis allerdings über-
haupt nichts Dramatisches. Er sagt: «Entscheidungen dürfen
nicht undeterminiert ablaufen. Sie dienen schließlich dazu,
den Organismus am Leben zu halten. Würde das Gehirn unde-
terminiert entscheiden, wäre der Organismus nicht lebensfä-
hig.» Alle Prozesse, die im Gehirn ablaufen, müssen sich an die
Naturgesetze halten, also sind sie determiniert; und niemand
kann sich dagegen entscheiden. Doch weil wir uns der deter-
ministischen neuronalen Prozesse, die allen unseren emotio-
nalen und kognitiven Leistungen zugrunde liegen, nicht be-
wusst sind, fühlen und bezeichnen wir uns und andere als
freie, autonome Wesen.

Das Ich ist dabei eine Funktion des Gesamtsystems Gehirn,
die Bewusstsein hat und in sozialen Netzwerken lebt, weswe-
gen sie Moral, Verantwortungsgefühl und Schuld entwickeln
kann. Obwohl auch das Bewusstsein Naturgesetzen unterliegt,
kann es also trotzdem offen und kreativ sein, lernen und sich
verändern und vermeintliche Grenzen überwinden. Kinder
zum Beispiel müssen erst lernen, ihre Triebstruktur zu kon-
trollieren und in manchen Fällen hintanzustellen, damit sie in
der Familie und später in der Gesellschaft akzeptiert werden.
Ihre Gehirne haben dazu die Fähigkeit zur Veränderung. Aller-
dings entschließen sie sich nicht etwa dazu, brav zu sein und
ihre egoistischen Wünsche zu unterdrücken, sondern sie tun
es aus Selbsterhaltungstrieb, weil sie ohne die anderen Men-
schen nicht lebensfähig wären.